Matthäus 28,1-15
Texterklärung
Die Ostergeschichten der vier Evangelisten haben unterschiedlich viel „Farbe“. Der Evangelist Markus ist wohl am kargsten in seiner taufrischen Skizze des Auferstehungsmorgens. Bei ihm erleben die Frauen am offenen Grab nur „Entsetzen und Furcht“. Matthäus erzählt uns später schon deutlich mehr. Trotz des spektakulären Auftritts des Engels finden die Frauen aber auch hier nur ein leeres Grab vor. Erst auf dem Weg zu den Jüngern begegnet ihnen der Auferstandene. Bei Matthäus tritt zu „Entsetzen und Furcht“ noch die „Freude“ hinzu. Es wird heller in den Herzen der Trauernden. Ostern ist das Urerlebnis des Evangeliums.
Von der Nacht ins Licht
Nicht um den Leichnam zu salben, sondern nur, um „nach dem Grab zu sehen“ und das jüdisch vorgeschriebene Ritual der Totenehrung zu praktizieren, brechen zwei Frauen am frühen Ostermorgen auf. Noch in der Nacht stehen sie auf, um Jesus aufzusuchen. Konnten sie nicht mehr schlafen? Saßen dunkle Gedanken von Karfreitag wie Sorgengeier auf ihrer Bettkante, um sich angstmachend auf ihr Herz zu stürzen? Die Beter des Alten Testamentes haben erlebt, dass es auch in der Nacht der Verzweiflung keine andere Adresse gibt als den lebendigen Gott (Ps 63,7). Dietrich Bonhoeffer schreibt: „In die ersten Augenblicke des neuen Tages gehören nicht eigene Pläne und Sorgen, auch nicht der Übereifer der Arbeit, sondern Gottes befreiende Gnade, Gottes segnende Nähe.“ Die Frauen bringen ihre innere Finsternis zu Jesus und erleben, wie es Tag wird. Es ist kein Zufall, dass Jesus gerade an einem Sonntag aufersteht. Der Sonntag ist kein verschobener Sabbat. Es ist der erste Schöpfungstag, der erste jüdische Werktag. Am ersten Tag hat Gott einst das Licht und die Zeit erschaffen (1Mo 1,1-4). Der Auferstandene aber ist der „Erstling“ einer neuen Schöpfung (1Kor 15,20). An diesem ersten Ostersonntag erstrahlt das Morgenlicht der Ewigkeit. Es beginnt eine neue Zeit.
Von der Furcht zur Freude
Auch noch in der hellen Osterzählung des Matthäus spürt man die große Furcht, welche die Frauen bewegt hat, als ihnen der Engel begegnete. Ein Erdbeben rollte ihnen den Grabstein weg, damit sie in das leere Grab Jesu hineinsehen konnten. Das Grauen vor dem Unheimlichen gehört zu allen vor- und frühzeitlichen Kulturen. Durch die ganze Bibel hindurch spüren wir das Entsetzen, wenn Menschen dem lebendigen Gott begegnen (Hebr 10,31). Sie erleben dabei ihre eigene Ohnmacht und Schuldhaftigkeit (Jes 6,5). Wie die Eierschalen einer alten Zeit tragen die Frauen diese Furcht noch im Herzen, doch gleichzeitig wächst eine unbändige Freude. „Fürchtet euch nicht“ lautet die Überschrift der ganzen Bibel. Nicht durch das Licht des Verstandes, nicht durch die Aufklärung des Menschen, allein durch das österliche Licht der Auferstehung wird uns die letzte Existenzangst genommen. Wenn Gott die Grabsteine der Sorgen von unseren Herzen nimmt, gibt es manchmal ein inneres Erbeben. Die Frauen, die gekommen waren, einen Toten zu ehren, haben den lebendigen Christus gefunden. Das ist der „Grund ewiger Freude“ (GLB 1,1).
Vom Hörer zum Zeugen
Dass es gerade Frauen waren, die als erste die Auferstehungsbotschaft hörten und weitererzählten, galt in der damaligen Kultur als anstößig. Der Apostel Paulus hat diesen Umstand in seiner Auferstehungserzählung geradezu verschwiegen (1Kor 15,5-8). Frauen hatten damals kein Zeugnisrecht. Warum vertraut Gott gerade ihnen sein Evangelium an? Will er uns damit sagen: Wichtig ist nicht der Zeuge, sondern das Zeugnis? Ist nicht Gottes Kraft gerade durch die Schwachen mächtig (2Kor 12,9)? Auch wenn die Kirche kleiner wird, so bleibt die Botschaft groß, für die wir stehen. Die damaligen Machthaber wollen die Worte dieser Osterzeugen in Verruf bringen und sie zu „fake news“ erklären, indem sie die römischen Wachsoldaten mit Geld bestechen. Doch keine Macht der Welt hält den auf, der gekommen ist, „die Sünder selig zu machen“ (1Tim 1,15).
Praxishilfen
- An Ostern geht man gerne nach draußen. Wir halten Zettel und Stifte bereit. Was sind die Sorgensteine, die mir auf dem Herzen liegen? Was möchte ich Jesus bringen? Wir schreiben es auf und sprechen darüber.
- Dann werfen wir den „Grabsteinzettel“ in ein kleines Osterfeuer.
- Danach entzünden wir am Feuer die vorbereiteten kleinen Osterkerzen und erzählen uns gegenseitig, was uns Hoffnung bereitet.
Lieder: GL 123, GL 167, FJ1 139 Freuet euch das Grab ist leer, FJ6 29 So sehr
