Matthäus 12,15-21
Texterklärung
Nach der Konfrontation mit den Pharisäern zieht sich Jesus zurück. Doch während seine Gegner Pläne schmieden, wie sie ihn beseitigen können, folgen ihm auch viele Menschen nach. Jesus wendet sich ihnen zu, heilt sie und offenbart sich ihnen als der angekündigte „Gottesknecht“. Mit diesem Rückgriff auf das Alte Testament verdeutlicht Matthäus, dass Jesus völlig anders ist, als es die gängigen Vorstellungen vermuten ließen.
Von EM-Trikots und Ordnung
Jesu Auftreten sorgt für großen Aufruhr. Die einen folgen ihm, sie wollen mehr von ihm sehen. Die anderen, die Pharisäer, schmieden erstmals konkrete Pläne gegen ihn.
Ich stutze über die Pharisäer, die Gotteskenner. Blind vor Abneigung lassen sie Jesus weiterziehen. Sie sorgen sich so sehr um die Ordnung und angebliche Richtigkeit ihrer Religion, dass sie den Herrn selbst nicht erkennen. Was für eine verpasste Chance!
Doch Hand aufs Herz – mir geht es im Alltag als Christin oft ähnlich: Neulich saß ich im Gottesdienst, ein Jugendlicher sang im Singteam mit. Sein lila-rosa EM-Trikot stach im sakralen Kirchenraum besonders heraus. Mein erster Impuls glich dem der Pharisäer: „Wie kann er nur!“ Im Rückblick frage ich aber: Warum eigentlich nicht? Ist es nicht eigentlich schön, dass dieser Junge mit seiner gesamten Person einen Platz in der Gemeinde findet?
Gerade wir „Gotteskenner“ halten oft an Dingen fest, die „halt scho immer so sen“. Wir kennen uns im kirchlichen Kontext gut aus: in der Bibel, in der Gottesdienstordnung und unseren Gemeindestrukturen. Umso mehr müssen wir achtsam bleiben, dass unser Bedürfnis nach Ordnung nicht den Blick auf den Kern unseres Glaubens trübt.
Jesus erfüllt die Zusage Gottes
Blicken wir auf Jesu Reaktion: Obwohl (oder gerade weil?) Jesus um den Plan der Pharisäer weiß, lässt er sich nicht aufhalten. Er wirkt weiter unter den Menschen – in einer erstaunlichen Ruhe und Klarheit. Diese Ruhe scheint auch dem Autor des Evangeliums aufzufallen. Denn Matthäus schiebt ein alttestamentliches Zitat aus dem ersten Gottesknechtslied des Jesaja-Buches (Jes 42,1-4) ein: „Er wird nicht streiten und nicht schreien. Seine Stimme wird man nicht auf den Straßen hören.“ (Mt 12,19f.). Genau das geschieht hier: Jesus streitet nicht laut, sondern versucht, die Herzen der Menschen durch sein sanftmütiges Handeln zu gewinnen. Dasselbe trägt er auch seinen Zuhörern auf: Sie sollen niemandem erzählen, wer er ist (V.16), um Aufruhr zu vermeiden. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Doch es erfüllt sich durch Jesus noch mehr: Als geliebter und auserwählter Knecht Gottes dient er den Menschen. Jesaja nutzt für die Menschen das Bild eines „geknickten Schilfrohrs“ und eines „glimmenden Dochtes“. Was für eine wunderbare Zusage, dass Jesus den „geknickten“ und „ausgebrannten“ Menschen aufhilft! Schon ein paar Verse vorher sagt Jesus „Kommt her zu mir alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken“ (Mt 11,28). Seine Einladung gilt noch heute und schenkt allen Völkern Hoffnung (Mt 12,21).
Teil der Geschichte
Die Juden zur Zeit Jesu hatten sich ihren Retter mit Sicherheit ganz anders vorgestellt – als politischen Befreier oder mächtigen König, nicht als demütigen Diener. Die ihnen bekannten Verse der Tora rückten durch das unerwartete Handeln Jesu plötzlich in ein neues Licht.
Heute haben wir den Vorteil einer Bibel mit Altem und Neuem Testament: Wir erkennen, dass Gott die Geschichte mit seinem Volk durch Jesus fortsetzt. Wie schön, dass wir – die „Geknickten“ und „Ausgebrannten“, die Gotteskenner und Fußball-Trikot-Träger – ein Teil von dieser Geschichte sind!
Praxishilfen
- Matthäus zeigt: Gottes Geschichte reicht bis in unser Heute hinein (Lied: Teil dieser Geschichte – Sefora Nelson)
- Wo halten wir an Gewohnheiten und einem „Des macht mer halt so!“ fest und verlieren dabei die Begegnung mit Gott aus dem Blick?
- Lest Jes 42,1–4: Wo entdeckt ihr weitere dort beschriebene Züge Jesu im Neuen Testament?
- Was gibt euch an Jesus Hoffnung (V.21), besonders wenn ihr euch geknickt oder ausgebrannt fühlt, und wozu befähigt sie euch? Welche Hoffnungs-Worte findet ihr im Jesaja-Text?
Lieder: GL 454, FJ Best of 76 Keiner ist wie du
