Matthäus 9,35-10,15
Texterklärung
Es gehört zum Anbruch der Heilszeit, dass Heil und Heilung vom Erlöser Jesus Christus ausgehen (Jes 35,5f.; 40,1ff. u.a.). Als vorlaufende Zusammenfassung unseres Abschnitts kann 9,33 gelten: „Noch nie ist derartiges in Israel erschienen.“ Werden die Menschen die Kennzeichen des Erlösers erkennen und annehmen? Die Jünger von Johannes d. T. fragen nach der Bedeutung dessen, was Jesus tut (11,1-6); die Gegner Jesu verweigern die Anerkennung dessen, was Jesus tut (9,34; 10,25; 12,1-50). Wem Heil und Heilung durch Jesus Christus begegnet, der ist in die Entscheidung gestellt: Ist Jesus mein Herr und Retter?
Jesus beruft zum Sehen
Jesus „ging ringsum in alle Städte und Dörfer“. Er war dort, wo die Menschen sind. Er war dort, wo die Not ist. Wie der Vater, so der Sohn: Gott bindet sich nicht an Orte oder an Funktionen, wie die Götter umliegender Völker, sondern Gott bindet sich an Menschen („Ich bin der Gott deines Vaters Abrahams, Isaaks und Jakobs“; 2Mo 3,6). Ihnen zum Heil ist er erschienen (9,13). Heil werden Menschen, wenn ihnen die Botschaft vom herbeigekommenen Königreich Gottes gesagt und von der Schrift her belegt wird („lehrte“, „predigte das Evangelium von dem Reich“ 9,35; vgl. Jes 40,1ff.). Zum Kennzeichen des Anbruchs dieses göttlichen Reiches gehörte auch die Heilung von „allen Krankheiten und Gebrechen“ (9,35).
In der Begegnung mit den Menschen „sah“ (erkannte) Jesus, was wirklich in den Menschen war. Äußerlich waren sie fromm. Das mosaische Gesetz prägte ihren Alltag (spenden, fasten, helfen, beten). Aber im Herzen sah es anders aus. Was sie taten, taten sie ohne Gott. Menschen ohne Gott sind „Schafe ohne Hirten“ (Jer 23,1-8; Hes 34). Der Mensch ohne Gott ist ein Verlorener, ganz gleich, wie edel und gut er lebt.
Jesus ließ sich vom äußeren Schein eines geordneten Lebens nicht täuschen. Die innere Not und Orientierungslosigkeit der Menschen ist der Auftrag Jesu und seiner Nachfolger. Die Armen und Kaputten, die Verschmachteten und Verzagten, die Hoffnungslosen und die Verbitterten: sie sind das Erntefeld Gottes! Sie sind „reif“ für das Heil und die Erlösung durch den Messias.
Jesus beruft zum Beten
Jesus macht es vor: Die Not der Welt soll uns nicht in den Aktionismus treiben, sondern ins Gebet. Die Rettung der Welt ist „Chefsache“. Zum Dienst in Gottes Erntefeld bedarf es Beauftragung und Bevollmächtigung, Segnung und Sendung. Jesus nimmt seine Jünger mit in die Verantwortung, indem er es ihnen auferlegt, für „Arbeiter in seine Ernte“ zu beten (V. 38). Dieser Auftrag ist bis heute geblieben. Darum beten wir noch heute um „Arbeiter“ in Mission und Verkündigung, in Diakonie und jeder Form von Arbeit unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Im Gebet lassen wir uns den „Jammer Jesu“ (V. 36) zur eigenen Not machen. Im Gebet bewegen wir den Arm Gottes zum Handeln in der Welt. Durch das Gebet werden die Jünger in den göttlichen Auftrag eingebunden. Gebet ist darum Auftrag der gesamten Gemeinde.
Jesus beruft zum Gehen
Die, die Jesus zuvor ins Gebet schickte, die sendet er nun in die Welt. Die spezielle Sendung der 12 Jünger (10,1-4) wird zu einem Generalauftrag der Jesus-Nachfolger bis heute (10,5-15). Als Jünger sind wir „Gerufene“, „Bevollmächtigte“ (10,1) und „Gesandte“ (10,5). Die Botschaft vom „nahe herbeigekommenen Himmelreich“ (10,7) ist der Inhalt unserer Predigt. Was Jesus in dieser Welt tun will, geht weit über die Verbesserung der Lebensumstände hinaus.
Die Begrenzung des Wirkens auf Israel (10,5f.) ist vorösterlich und wird nach der Auferstehung auf die ganze Welt ausgedehnt (28,18ff.; Apg 1,8). Diese Berufung gilt bis zur Wiederkunft unseres Herrn.
Praxishilfen
- Jesus konnte das „Verschmachtetsein“ der Menschen nicht nur deshalb sehen, weil er Gottes Sohn war, sondern weil er auch bei den Menschen war. Wie ist das mit uns: Sind wir noch bei den Menschen oder leben wir in einer christlichen „Bubbel“?
- Diesen Blick Jesu, hinter die Fassade der Menschen zu schauen, können wir nur erbeten und geschenkt bekommen. Lassen wir uns diesen göttlichen Blick auf die Not der Menschen schenken? Wollen wir die Nöte noch sehen?
- Die Not der Welt und der Mangel an „Arbeiter im Erntefeld“ ist der Gebetsauftrag der Gemeinde. Wie sieht es um unsere Gebetskreise in Gemeinden und Gemeinschaften aus?
- Jesus beschrieb im Hohepriesterlichen Gebet das Wesen eines Jüngers: „in der Welt aber nicht von der Welt“ (Joh 17,11.14). Sind wir wieder „von der Welt“, wenn wir nicht mehr in der Welt sind, also dort, wo die Menschen leben, die das Evangelium hören sollen?
Lieder: GL 542, FJ5 244 Generation Hoffnung, Jesus, dir nach, weil du rufst JuF 427, Lass mir das Ziel vor Augen bleiben JuF 429
