Esra 3,1-13
Texterklärung
Jerusalem im Jahr 538 v.Chr.: In diesem Jahr geschah etwas, worauf die Juden, die zu dieser Zeit im babylonischen Exil lebten, jahrzehntelang gehofft hatten. Der persische König Kyrus erlaubte ihnen, in ihre Heimat zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Und ähnlich wie beim Auszug aus Ägypten durften sie sogar Wertgegenstände von den Einheimischen mitnehmen (2Mo 11,2). So kehrten nach fast 50 Jahren die ersten Juden nach Israel zurück und begannen einen Neuanfang.
Heilige Versammlung
Es ist kein Zufall, dass sich das Volk Israel ausgerechnet am ersten Tag des 7. Monats versammelte, um den Altar wieder aufzubauen, denn dieser Tag galt in Israel als der Neujahrstag, an dem laut dem göttlichen Gebot eine „heilige Versammlung“ stattfinden sollte (4Mo 29,1). Zurück in ihrer Heimat wollten die Israeliten also wieder ihre alten Glaubenstraditionen aufnehmen, die damals vor allem im Darbringen der Opfer und im Einhalten der Festtage bestanden.
Segen kann gedeihn
Gibt es das in unserem Leben auch: Glaubenstraditionen? Die Israeliten merkten, dass solche Traditionen ihrem Glauben Struktur und Sicherheit gaben, ja dass sie sogar Teil ihres Heimatgefühls waren.
Womöglich ist das bei uns ganz ähnlich. Gerade wenn bei uns ein Neuanfang ansteht oder unser Leben im Umbruch begriffen ist, tut es gut, wenn wir in unserem Glauben auf Altbekanntes, auf Traditionen zurückgreifen können. Sie geben uns Struktur und Sicherheit, vermitteln ein Gefühl von Heimat und lassen dadurch Segen gedeihen.
Den Israeliten war es außerdem wichtig, die Glaubenstraditionen gemeinsam wieder aufzunehmen: Das ganze Volk versammelte sich „wie ein Mann“ (V. 1), und die Arbeiter am Hause Gottes wurden „einmütig“ angeleitet (V. 9). Alle zogen sie damals an einem Strang. Zwar gab es ganz unterschiedliche Aufgaben, aber sie alle dienten demselben Ziel, nämlich zusammen Gottes Gebote zu befolgen und gemeinsam zu glauben.
Nie sind wir allein
Dass dies weder selbstverständlich noch einfach ist, zeigen uns nicht nur die neutestamentlichen Berichte der ersten Gemeinde (z. B. die Erzählung von Hananias und Saphira in Apg 5,1-11; der Streit um die Frage nach der Beschneidung in Apg 15,1-29 oder die Trennung von Paulus und Barnabas in Apg 15,36-41), sondern auch die Erfahrungen aus unseren Gemeinden.
Christen aller Zeiten sind daher gut beraten, sich immer wieder mit den Worten des Apostels Paulus ermahnen zu lassen: „Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“ (Eph 4,3-5).
Um trotz aller Unterschiedlichkeit einmütig glauben zu können, brauchen wir Gottes Geist, der uns als Gemeinde verbindet und zu einem Leib eint, wie es Paulus in 1. Korinther 12,13 schön formuliert: „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft.“
Lachen oder Weinen wird gesegnet sein
Der Tempelbau war für die Israeliten mit großen Emotionen verbunden. Viele jubelten und waren ergriffen vor Freude und Dankbarkeit. Manche, die den alten Tempel noch kannten, waren aber auch sentimental und konnten ihre Tränen nicht zurückhalten. In jedem Fall sahen die Israeliten in der Grundsteinlegung des Tempels Gottes Wirken.
Vielleicht haben wir das auch schon mal erlebt, dass Gottes Wirken in unserem Leben große Emotionen hervorgerufen hat: Dankbarkeit über eine göttliche Führung oder Bewahrung, Erleichterung bei einem Zuspruch der Vergebung, Demut angesichts der Größe Gottes, Staunen über neu entstandenes Leben – all das können emotionale Beispiele für erlebtes Gotteswirken in unserem Alltag sein. Dass Gottes Wirken in unserem Leben ganz unterschiedliche Gefühle hervorrufen kann, erlebte damals auch schon Martin Luther. Nicht umsonst begann er in seinem Kleinen Katechismus die Erklärung der Zehn Gebote immer mit den Worten: „Wir sollen Gott fürchten und lieben.“
Fragen
- Gibt es in meinem Leben auch Glaubenstraditionen, die mir Struktur und Sicherheit geben? Wo und wann fühle ich mich geistlich zu Hause?
- Kenne ich das auch: Einmütigkeit unter Christen? Oder gibt es in meinem Alltag eher Situationen, in denen ich um die christliche Einmütigkeit ringen muss?
- Habe ich in meinem Leben auch schon mal Gottes Wirken erlebt? Welche Emotionen hat das bei mir hervorgerufen? Und wie bin ich mit diesen Emotionen umgegangen?
Lieder: GL 252, FJ5 149 Lebensgrund
