04/2026-05/2026

Erkenntnisriesen und Lebenszwerge

Über diese Erde wandelte einst ein Tier, dass anmutiger und muskulöser nicht hätte sein können, das viele andere Dinosaurier der damaligen Zeit sichtlich überragte. Wenn dieser Dinosaurier irgendwo auf der Bildfläche erschien, dann rannten alle anderen aus Angst davon. Richtig: Das war der Tyrannosaurus Rex. Bei jedem Schritt bebte der Boden und die kleinen Flugsaurier erhoben sich aus den Bäumen und flogen in alle Richtungen. Ein gewaltiger Schädel, glasklare fokussierte Augen, ein mächtiger Riese. Und doch irritiert bei genauerem Hinsehen ein Detail: Was ist mit seinen Armen? Warum sind sie so klein? Sicherlich gibt es dafür biologisch gesehen verschiedenste Erklärungen und dennoch lässt uns das Bild von dem Giganten mit den viel zu kurzen Armen schmunzeln.

Das Bild dieses Tieres beschreibt meiner Meinung nach erstaunlich präzise unser geistliches Lebensgefühl. Viele von uns Christen sind wie ein solcher T-Rex – und ich nehme mich selbst nicht aus. Wir sind geistliche Erkenntnisriesen – der Kopf groß, gefüllt mit Wissen, geistlicher Erkenntnis, Podcasts, Vorträgen, Predigten, theologischen Konzepten. Ein Kopf voll mit all dem eben, was wir über den christlichen Glauben verstanden haben. Meine Güte sind wir schlau! Was wir alles wissen und wen wir alles kennen, beeindruckend. Und gleichzeitig sind wir ganz schöne Lebenszwerge, sobald dieses Wissen Hände und Füße bekommen soll.

Diese Spannung ist kein Randphänomen, sondern ein geistlicher Grundzustand unserer Zeit. Wir sind überinformiert und untertransformiert. Zu viel Information, die uns lähmt, anstatt ins Handeln zu kommen, was uns sicher helfen könnte.

Die cartesianische Scheidung – warum Kopf, Herz und Hände auseinanderdriften

Ein Teil unseres Problems hat eine lange Geschichte. Es beginnt nicht erst im säkularen Zeitalter, sondern ist tief in der Geistesgeschichte des Westens verankert. René Descartes, der große Philosoph der Neuzeit, formulierte im 17. Jahrhundert einen Satz, der unser Selbstverständnis bis heute prägt: Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich. Klingt doch zumindest in Teilen sehr logisch, oder? Doch was daraus folgt, ist leider eine Geschichte, die das denkende Ich vom Geist getrennt hat. Seither ist der Kopf unser Hauptorgan: klar, rational, die Fakten überprüfbar. Gefühle galten eher als unzuverlässiger Berater, Herz und Handeln nicht mehr als Ort der Erkenntnis. Diese Einsicht hat auch unter christliches Denken geprägt.

Christsein hieß und heißt bis heute oft: Die richtigen Inhalte glauben, die richtigen Sätze bejahen, die richtige Lehre vertreten. Emotionen waren verdächtig – zu subjektiv, zu wandelbar. Und mal ehrlich: Es gibt vielerorts bis heute kein gesundes Verständnis von Emotionen und ihrer Bedeutung für den Glauben. Auch das Handeln wurde zweitrangig – etwas, das eher als Folge des Glaubens beschrieben werden kann, als dass es ein integraler Bestandteil wäre.

Wir wurden zu Erkenntnisriesen, die alles über den christlichen Glauben wissen – aber zu Lebenszwergen, wenn es darum geht, diesen Glauben auch auszuleben.

Heute ist aus Sicht der Neuro- und Kognitionswissenschaft längst klar: Es gibt unterschiedliche Formen des Wissens und auch verschiedene Areale im Hirn, die damit beschäftigt sind.[1] Und die Religions- und Sozialpsychologie weiß sicher: Menschen glauben nicht nur und dann handeln sie – sie glauben oft, weil sie handeln.[2][3] Wenn ich mich einsetze, entdecke ich Sinn. Wenn ich Zeit in den christlichen Glauben investiere, erfahre und deute ich den Glauben als bedeutungsvoll. Wenn ich Verantwortung übernehme, verstehe ich mich mehr und mehr als Christ. Meine Investition formt meinen Glauben mit. Und wenn ich über meinen Glauben spreche, versichert mich das selbst mehr und mehr darin.

Eine solche Trennung hat Folgen. Wenn Denken vom Fühlen getrennt wird, verliert der Glaube seine Leidenschaft. Wenn Denken vom Handeln getrennt wird, verliert er seine Glaubwürdigkeit, weil er scheinbar keine Auswirkung hat.

Dabei denke ich an ein Bild, wie es uns Calvin vor Augen malt: Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Wissen über Gott und der wirklichen Erkenntnis Gottes. Man kann viel über Honig wissen, aber erst, wer ihn kostet, weiß auch wie er schmeckt. „Wie es nichts nützt, über den Honig zu reden, wenn man ihn nicht gekostet hat, so bleibt auch Gotteserkenntnis leer, wenn sie nicht zur Erfahrung des Herzens wird.“[4] Es ist also nicht nur bedauerlich für denjenigen, mit dem wir über den Glauben hätten reden können, sondern letztlich auch für uns selbst.

Und auch biblisch muss man nicht tief graben, um zu erkennen, dass eine Trennung von Kopf, Herz und Händen schlichtweg falsch ist. Vor allem vom Alten Testament her gesehen, ist das Herz nie nur für Gefühl und der Kopf nie nur für Logik und Faktenwissen da. Das Herz ist vielmehr das Zentrum der Person, in dem sich Denken, Wollen, Fühlen und Handeln verbinden.[5] Jesus fordert nicht bloß Zustimmung zu den Inhalten der Bergpredigt, sondern verändertes Leben, dass das sichtbar macht.[6] Nicht bloß Erkenntnis, sondern Bewegung hin zu anderen Menschen.

Der Glaube an Gott ist so großartig, dass er unseren Verstand füttern, unser Herz in Brand stecken und unsere Hände in Bewegung setzen kann. Also Schluss mit abstrakter Erkenntnis, die sich nicht im Leben zeigt!

Der Glaube an Gott ist so großartig,
dass er unseren Verstand füttern, unser Herz in Brand stecken
und unsere Hände in Bewegung setzen kann

Die Frage ist nicht neu – aber sie bleibt dringlich. Wir wissen, dass das Evangelium gut, wahr und schön ist und dennoch sprechen wir viel zu selten mit anderen darüber. Warum eigentlich?

Es gibt sicherlich vielerlei Gründe, einige davon will ich einmal nennen.

  1. Wir fürchten uns oft vor der Reaktion der Menschen, die oft positiver ausfallen würde als ursprünglich gedacht. Wir haben ständig Sorge, zu übergriffig zu wirken, die Menschen zu überrumpeln. Aber Fakt ist: Die Menschen haben oft sehr viel weniger Vorbehalte als wir denken. Seit ich mit Menschen in unterschiedlichen Settings über den Glauben spreche, ist es genau einmal vorgekommen, dass jemand wirklich wütend wurde. Die meisten Menschen waren erst einmal erstaunlich interessiert.
  2. Ich glaube auch, dass wir die Sehnsucht der Menschen unterschätzen. Wie beklagen uns andauernd über eine Welt, die anscheinend nichts mehr von Gott wissen will. Aktuelle Entwicklungen in verschiedenen Ländern zeigen aber: Die Menschen machen sich wieder auf die Suche nach dem Glauben, vor allem junge Menschen. Also Schluss mit den Ausreden!
  3. Für eins der zentralsten Probleme halte ich jedoch uns selbst und die Tatsache, dass wir selbst nicht immer überzeugt genug sind. Bist du heute überzeugt, dass er am Kreuz hing, eine Dornenkrone auf seinem Kopf tragend und schrie „Ich tat es für dich“? Bist du überzeugt, dass er dein Leben verändert hat und die Macht hat, das Leben eines jeden Menschen zu verändern, dem du begegnest? Falls nicht, dann suche ihn erneut, es ist dir zugesprochen, dass er sich finden lässt.

Jammern uns die Menschen, die Gott nicht kennen?

In einem ZEIT-Artikel vom Dezember 2020 spricht der Autor Alexander Krex ebenfalls darüber, dass missionarische Bemühungen scheinbar mehr und mehr abnehmen. Zeitlebens scheint kein Christ versucht zu haben, ihn vom christlichen Glauben zu überzeugen oder diesen offen und ehrlich zu bekennen, worüber er dezidiert seine Enttäuschung äußert: „Und obwohl ich nicht wirklich glaube, dass ich werde glauben können, wünsche ich es mir manchmal und bin ein wenig enttäuscht, dass es niemand auch nur versucht mit mir.“[7]

Und der Philosoph Nietzsche schrieb in seinem Roman „Also sprach Zarathustra“: “Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Also auch unser Auftreten scheint nicht wirklich zum Glauben einzuladen. Nietzsche sagt damit: Von außen betrachtet seid ihr kein Stück überzeugend für mich. Euch fehlt die Leidenschaft. Man müsste an eurer Freude sehen, dass ihr Christen seid. Ihr müsstet leuchten, aber ihr tut es nicht. Was ihr predigt und wie ihr lebt, überschneidet sich nicht. Wie weh das tut, wenn das jemand über uns sagt.

Aber schmerzt es uns denn noch, dass es da draußen Menschen gibt, die Jesus nicht kennen? Wir sind betroffen, wenn ein Familienvater seine Arbeit verliert. Wenn jemand krank wird und es nicht besser werden will. Aber sind wir denn betroffen, wenn jemand ohne die Hoffnung auf eine großartige Zukunft, ohne Beziehung mit Jesus und ohne Vergebung durchs Leben geht? Hört auf sie „kirchenfern“, „distanziert“ oder „säkular“ zu nennen, Gott sieht in diesen Menschen den verlorenen Sohn und die verlorene Tochter, von der er sich nichts sehnlicher wünscht, als dass sie zu ihm heimkehrt.

Aber jetzt mal „Butter bei die Fische“. Wie könnte die praktische Umsetzung aussehen? Wie kann ich mit Menschen über Jesus sprechen?

  1. Es ist oft wichtiger Fragen zu stellen als jede Antwort zu kennen. Jesus selbst fällt durch seine Fragen auf. Fragen öffnen einen Raum, bringen ins Nachdenken. Sie geben die Möglichkeit tiefer zu gehen und sich nicht in einem Schlagabtausch von Argumenten und Einwänden zu liefern.
  2. All unser Reden über Jesus sollte im Gebet geschehen. Wenn jemand zum Glauben kommt, dann liegt das nicht an uns, sondern allein an Jesus. Wenn wir beten und Gott wirkt, dann werden wir das Leben von Menschen verändert sehen.
  3. Lebt mit Menschen in Beziehung, damit sie sehen, was ein Leben mit Jesus verändert. Mission geschieht an dem Ort, an den wir unmittelbar gestellt sind, in den Beziehungen, in dir gestellt sind. An diesem Ort sehen Menschen die Veränderung, die Jesus in unserem Leben bewirkt.
  4. Erzähl deine Geschichte. Die ganze Geschichte des Christentums ist eine Geschichte von Menschen, die Zeugnis darüber geben, was Jesus in ihrem Leben verändert hat. Und auch heute stellen viele Menschen die Frage: Wenn ich denn glauben würde, welche Relevanz hätte das? Welche Antwort hast du darauf? Wie verändert Jesus dein Leben? Deine Freundschaft? Deine Einstellung zur Arbeit? Was ist deine Geschichte mit ihm und seine Geschichte mit dir?

[1] Sridhar S, Khamaj A, Asthana MK. Cognitive neuroscience perspective on memory: overview and summary. Front Hum Neurosci. 2023 Jul 26;17:1217093. doi: 10.3389/fnhum.2023.1217093. PMID: 37565054; PMCID: PMC10410470. Brodziak A, Brewczyński A, Bajor G. Clinical significance of knowledge about the structure, function, and impairments of working memory. Med Sci Monit. 2013 May 3;19:327-38. doi: 10.12659/MSM.883900. PMID: 23645218; PMCID:

PMC3659070. Cabeza R, Moscovitch M. Memory Systems, Processing Modes, and Components: Functional Neuroimaging Evidence. Perspect Psychol Sci. 2013 Jan;8(1):49-55. doi: 10.1177/1745691612469033. PMID: 24163702; PMCID: PMC3806137. Wichtig auch in Bezug auf die Entscheidungsfindung: Dort bilden Emotionen einen integralen Bestandteil auch rationaler Entscheidungsprozesse. Damasio, A. R. (1994). Descartes’ Error and the future of human life. Scientific American, 271(4), 144–150.

[2] Granados Samayoa JA, Albarracín D. Understanding Belief-Behavior Correspondence: Beliefs and Belief-to-Behavior Inferences. Psychol Inq. 2025;36(1):1-22. doi:

[3] .1080/1047840x.2025.2482343. Epub 2025 May 13. PMID: 41030463; PMCID: PMC12478542.

[4] Calvin, Institutio Christianae Religionis, Buch I, 5, 2 (Übersetzung Otto Weber, 4. Auflage 2008, Vandenhoeck & Ruprecht/Brill, Göttingen/Boston)

[5] Spr 23,7; 1Kön 3,12; Ps 19,15; 2Mo 35,5; 2Chr 16,9; Jer 17,9.

[6] Mt 7,24-27 Das Gleichnis vom Haus auf dem Felsen macht deutlich: Entscheidend ist nicht allein das Hören, sondern das Tun. Siehe auch Mt 7,21; Mt 5,16.

[7] Krex, Alexander, Warum missioniert mich keiner? Online unter: https://www.zeit.de/2020/50/glaube-kirche-sehnsuchtgott-finden-atheismus-religion (ZEIT Nr. 50/2020) [Abruf am 17.2.2025].

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