„Authentizität“ ist eines der großen Schlagworte im Blick auf die christliche Gemeinde. So schwer es auszusprechen ist, so schwer ist es, umfassend authentisch zu leben. Das fällt mir immer auch dann auf, wenn vermeintliche christliche Helden fallen. Sie werden gefeiert und bejubelt in christlichen Kreisen. Und dann kommt plötzlich Fehlverhalten oder sogar Missbrauch ans Tageslicht und wir fragen uns: Wie gehen wir damit um? Was tun wir, wenn diese vermeintlichen Helden fallen?
Menschen sagen mir: „Also dieses Buch brachte für mich den geistlichen Durchbruch. Aber jetzt, wo er Ehebruch begangen hat, kann man es ja nicht mehr lesen!“ Oder sie sagen: „Die Predigt dieses Pastors hat mein Leben verändert. Aber wie soll ich jetzt mit dem umgehen, was er gesagt hat, nachdem er so schwere Schuld auf sich geladen hat?“
Wir lieben Heldengeschichten? Wir suchen Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Wir brauchen Helden, zu denen wir aufschauen können. Die offensichtlich viel stärker im Glauben sind als wir selbst.
David war einer dieser Helden. Seine Geschichte beginnt grandios: Vom unbeachteten Schafhirten zum König Israels! Das klingt wie „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Sein Aufstieg ist atemberaubend. Es braucht sieben Anläufe, bis David an die Reihe kommt (1Sam 16,11ff.). Samuel salbt David zum König. Doch es dauert noch, bis er den Thron besteigt. Gott fädelt die Sache hinter den Kulissen ein. David kommt als Hausmusiker an den königlichen Hof, um die Depressionen des in Ungnade gefallenen Saul zu lindern. Er gewinnt Sauls Vertrauen und bleibt am Hof. Und dann kommt jener geschichtsträchtige Tag, an dem David den Nachschub für seine Brüder an die Front bringt und ganz unverhofft ins Kriegsgeschehen eingreift. Er wird zum Helden und heiratet die Tochter des Königs. Sein Aufstieg scheint unaufhaltsam – und das hat einen Grund: Gott war mit ihm!
Das sind die Glaubenshelden, die wir lieben! Doch wir wissen, wie die Geschichte weitergeht: Der starke Held hat eine schwache Stunde und verstrickt sich in heftigste Schuld. Er wird zum Ehebrecher und Mörder.
Dies ist nur eines von vielen Beispielen der Bibel. Die Bibel ist voll von gefallenen Helden: Noah, Mose, Abraham, Jakob, Saul, David, Petrus, Judas – das sind nur einige prominente Namen, die im Leben mächtig gestrauchelt sind. Man könnte diese Liste beliebig fortsetzen mit Kirchenvätern, Reformatoren, Gemeindegründern, Evangelisten und Verbandsleitern.
Wir brauchen Helden, zu denen wir aufschauen können.
Die spannende Frage lautet: Wie gehen wir mit gefallenen Helden um? Wie gehen wir mit dem geistlichen Erbe von Menschen um, die tief gefallen sind?
Einige Gedanken bewegen mich zu dieser Frage:
Wir dürfen Menschen nicht überschätzen. Auch christliche Leiterinnen und Leiter bleiben Menschen.
„Simul justus et peccator!“ So hat es Martin Luther auf den Punkt gebracht. Wir sind Sünder und Gerechter zugleich. Das gilt auch für herausragende Leitungsfiguren.
Wenn christliche Helden fallen, dann ist das dramatisch, wie bei jedem Menschen, der fällt. Aber es überrascht mich nicht, weil immer klar ist: Es sind Menschen am Werk. Und diese Menschen machen Fehler, haben dunkle Seiten und sind anfällig. Natürlich wäre es schön, wenn wir Christen einen Unterschied machen würden und sich unser Christsein deutlich im Leben niederschlagen würde. Aber die vielen „gefallenen Helden“ der Bibel sind mir ein mahnendes Signal, nicht nur für andere Menschen, sondern auch für mich selbst: „Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen, dass er nicht“ (1Kor 10,12).
Wenn Menschen Fehler machen oder schuldig werden, dann gibt es nichts zu beschönigen. Und wenn es regelrechte Straftaten sind und Missbrauch geschieht, dann dürfen wir ihn nicht verharmlosen, sondern müssen sie aufdecken, aufarbeiten und manchmal sogar strafrechtlich verfolgen. Es ist verheerend, wenn man versucht den Glanz christlicher Helden zu erhalten, indem man Fehlverhalten und Straftaten vertuscht. Die Bibel geht erstaunlich offen mit den Sünden der Heiligen um. Deshalb ist es gut, wenn wir „christliche Stars“ nicht allzu sehr in den Himmel loben und am Ende blind werden für Fehlverhalten und Missbrauchssysteme. Sünde bleibt Sünde, egal, wer sie begeht. Auch vermeintliche Glaubenshelden sind davor nicht gefeit, wie uns die Bibel eindrücklich lehrt. Manchmal haben sie es vielleicht sogar schwerer, weil sie Gefahr laufen, den Schein zu wahren, anstelle reinen Tisch zu machen, sich der eigenen Verantwortung zu stellen und sich unter das Kreuz zu stellen.
Wir bleiben alle angewiesen auf das Kreuz
Es ist kein Zufall, dass Jesus mit dem Kreuz auch das Thema „Schuld & Vergebung“ sehr zentral positioniert hat. Viele Menschen hören es heute nicht gerne und halten es für überholt. Für mich hat das Kreuz nichts an seiner Bedeutung verloren. Im Gegenteil. Wir haben es nötiger denn je, weil wir oft nicht authentisch leben. Was wir hören und was wir tun, klafft oft weit auseinander. Das Kreuz ist nicht nur das Zeichen für die unendliche und bedingungslose Liebe Gottes. Es ist auch die Einladung mit unserer Schuld und Sünde zu Jesus zu kommen und befreiende Vergebung zu erfahren. Das hat ein vermeintlicher „christlicher Promi“ genauso nötig, wie jeder andere Mensch auf dieser Welt.
Petrus ist das beste Beispiel dafür: als einer der führenden Apostel, ist er ganz nahe an Jesus. Das verleiht im später fast einen Heiligenstatus. Doch Petrus bleibt Mensch. Er knickt gegen gesetzliche Judenchristen ein und geht falsche Kompromisse ein (Gal 2). Auch der große Apostel Petrus bleibt angewiesen auf die Gnade und Vergebung Gottes.
Wir dürfen nicht in die Authentizitätsfalle tappen.
Authentizität ist ein zentrales Thema geworden. Natürlich ist es gut, wenn sich Reden und Handeln möglichst decken. Man hat den Eindruck, dass heute nur verkündigt werden darf, was mit dem eigenen Leben abgedeckt ist. Das ist gefährlich, denn es kann zu einer Reduzierung des Göttlichen auf das menschlich Machbare führen.
Jesus differenziert hier: „Alles, was sie euch sagen, sollt ihr tun und befolgen. Aber verhaltet euch nicht so, wie sie sich verhalten!“ (Mt 23,3). In der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten unterscheidet Jesus zwischen dem, was sie tun und dem, was sie sagen. Natürlich ist evangeliumsgemäßes Handeln das stärkste Zeugnis. Manchmal klaffen Reden und Handeln allerdings meilenweit auseinander. So sehr wir uns mühen, wir werden immer wieder daran scheitern. Unser Leben bleibt immer wieder hinter unserer Verkündigung zurück. Wir müssen dennoch aufpassen, dass wir nicht in die „Authentizitätsfalle“ tappen. Sonst holt uns die Gesetzlichkeit durch die Hintertür wieder ein. Ich darf predigen, auch wenn ich nicht alles durch mein Leben und Handeln abgedeckt bekomme. Obwohl ich es nicht durch mein Leben abgedeckt bekomme, ist das Gesagte nicht automatisch verkehrt. Das Evangelium bleibt trotzdem wahr. Deshalb kann es sein, dass Gott uns durch die Verkündigung eines Menschen oder ein Buch nachhaltig geistlich verändert. Das bleibt so, selbst wenn der Urheber es nicht durch sein eigenes Leben abgedeckt bekommt.
Das ist kein Freifahrschein für die Sünde. Aber es erdet uns und hilft uns, mit gefallenen Vorbildern besser umzugehen.
Wie Gott das alles zusammenbekommt, ist mir manchmal schleierhaft. Ich kann mich nur beugen vor der Größe Gottes, die über alles Verstehen hinausgeht. Es entbindet mich nicht von der Verantwortung, Schuld und Straffälligkeit konsequent zu benennen und zu verfolgen. Aber es macht mich zugleich dankbar, dass Gott auch mit mir so umgeht und mich nicht wegen Unfähigkeit aus seinem Team entlässt.
Gefallene Helden werden zu geläuterten Menschen
Eine Beobachtung bewegt mich immer wieder. Menschen, die gefallen sind, gehen barmherziger mit sich und anderen um. Als Petrus nach der Auferstehung wieder Jesus begegnet, ist er erstaunlich still. Da ist nicht mehr der wilde, junge und ungestüme Leiter, der mit seiner Klappe meistens weit voraus war. Da ist ein geläuterter Mensch, der auf die Gnade Gottes angewiesen ist, wie du und ich. Deshalb ist es gut, für christliche Leiterinnen und Leiter zu beten und sie konstruktiv und kritisch zu begleiten. Mit Respekt, aber ohne falsche Ehrfurcht.
So gehe ich mit „gefallenen Helden“ um, und dem, was sie verkündigt und gelehrt haben. Vieles bleibt gut und hilfreich. Damit rechtfertige ich nicht ihre Taten. Aber ich verstehe, dass Gott auf die außergewöhnlichsten Wege kommuniziert. Selbst durch gefallene Helden.
