06/2026-07/2026

Die souveräne Barmherzigkeit Gottes

Römer 9,1-29

Texterklärung

Nach seiner ausführlichen Entfaltung der Gerechtigkeit aus Glauben (Rechtfertigungslehre) und ihrer Konsequenzen im Leben der Gläubigen kommt Paulus in Römer 9-11 auf das erste Bundesvolk zurück. Er begründet, dass Israels Ablehnung des Messias Jesus nicht Gottes Treue zu seinen Verheißungen aufhebt. Dabei vertieft er den Gedanken, dass die heilvolle Gottesbeziehung der Menschen ausschließlich von Gottes Willen und Handeln abhängt (Erwählungslehre).

Das Rätsel der Verwerfung des Christus durch die Juden

Wenn Jesus Christus tatsächlich die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen und des Gesetzes ist, wie Paulus z. B. in Kap. 4 dargelegt hat, dann gibt es ein Problem: Wie passt es dazu, dass die meisten Angehörigen des Volkes Gottes den Messias ablehnen? Erweisen sich dann Gottes Verheißungen nicht als ungültig und kraftlos? Diese Fragen stellen sich theologisch; Paulus ist von ihnen aber auch persönlich und emotional betroffen. Wie ein Prophet tritt er in Vers 3 als Fürsprecher für sein Volk auf (vgl. Hes 32,32). Und er stellt noch einmal klar: Israel wird nicht aus seiner besonderen Berufung und geistlichen Würde entlassen. Die Kindschaft schreibt Paulus auch den Juden zu, obwohl sie als Einzelne ohne Glauben an Jesus den Heiligen Geist nicht besitzen können. Nicht einmal den Kult des alten Bundes schließt der Apostel von der Wahrheit aus. Diese Gedanken fordern uns Nichtjuden heraus. Wir müssen dem ethnischen Volk Gottes gegenüber demütig bleiben. Wir haben nicht alles für uns allein. Wer Jesus liebt, verzichtet darauf, allein und als Einziger von Gott geliebt zu werden. Gottes Liebe reicht weiter, als wir verstehen.

Gottes freie Gnade

Mit einem kurzen Durchgang der Heilsgeschichte belegt Paulus, dass Gott schon immer frei gewählt hat, wem er seine Gnade schenkt. Gottes Verheißungen geben uns Menschen niemals eine Grundlage, Ansprüche an ihn zu stellen, sondern sind Ausdruck seiner Souveränität. Gott steht zu ihnen und er macht sie wahr. Aber er entscheidet auch frei, wem er sie zuwendet, an welchen Menschen er sie erfüllt. Wenn es wirklich Gottes Gnade ist, die uns rettet, dann muss sie ganz unabhängig von uns Geschöpfen sein. Das belegt Paulus zuerst an den Erzvätern: Bei der Erwählung Isaaks hätte man noch versuchen können, eine Ursache seines Vorrangs bei ihm zu suchen. Bei der Bevorzugung Jakobs gegenüber Esau (das meint das Zitat in V. 13) ist das endgültig ausgeschlossen.

Den Pharao des Exodus hat Gott zu einem Warnzeichen für die ganze Heilsgeschichte gemacht: Indem Gott seine überlegene Macht beweist, muss dieser Herrscher sogar im Widerstand letztlich Gott dienen. Dazu wird er verstockt. Das bedeutet nicht, dass Gott ihn böse gemacht hat, sondern dass er ihn dahingegeben hat in seine eigene Abwendung von Gottes Willen (vgl. Kap 1).

Was hat uns das zu sagen?

Der Vorwurf der Ungerechtigkeit an Gott ist hochaktuell. Viele Menschen sprechen ihn aus, um sich Glauben und Gehorsam vom Leib zu halten. Aber auch Christen können durch solche Gedanken angefochten werden. Jedenfalls fällt es auch uns manchmal schwer, Gottes Handeln an uns oder anderen als Gnade zu erkennen und zu preisen. Paulus rückt unser Denken zurecht: Gottes Handeln ist der Maßstab für Gerechtigkeit, nicht umgekehrt! Durch seine gnädige Erwählung setzt und schafft er selbst Recht; darauf dürfen wir vertrauen. Die sogenannte Theodizee-Frage weist Paulus ab. Wir müssen Gott nicht verteidigen. Denn dann würden wir ihn mit menschlichem Maßstab messen und dann müsste uns eigentlich Gottes Güte als das Ungerechte erscheinen. Deshalb sind auch alle Spekulationen darüber unangebracht, warum Gott nicht jeden wie mich erwählt und zum Glauben führt. Wer von Gottes Erbarmen lebt, lässt auch das alles in Gottes Hand liegen, statt es logisch durchdringen zu wollen. Es geht im Glauben um dankbares und demütiges Vertrauen, nicht darum, alles zu verstehen. Lasst uns ihm für alles die Ehre geben und kühn auf seine Liebe pochen!

Praxisideen:

  • Was geht mir durch den Kopf, wenn es um Israel geht? Wie passen die Aussagen von Paulus über dieses Volk zur weltpolitischen Realität in unserer Gegenwart?
  • Wo zweifle ich an der Gültigkeit, Verlässlichkeit und Erfüllung von Gottes Verheißungen?
  • Ist mir klar, dass alles Gute in meinem Leben allein vom Erbarmen Gottes abhängt? Wie können wir uns das im Alltag bewusst machen und uns ganz der Gnade ausliefern?

Lieder: EG 372, FJ4 Dir gehört mein Lob, GL 1, FJ5 35 Gnade für uns

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