Römer 12,1-8
Texterklärung
Paulus ermahnt und ermutigt in Römer 12,1-15,13 die Gemeindeglieder zu einem Leben, das vom Glauben an Jesus Christus geprägt wird. Er zeigt, wie das, was wir glauben, Leben zu gestalten vermag. Es geht ihm nicht einfach um Aufforderungen, sondern um eine neue, verändernde Wahrnehmung: wie wir Gott und uns selbst im Licht des Evangeliums sehen, das hat lebensverändernde Kraft. Die Barmherzigkeitserweise Gottes (12,1-2) begründen alles, sie bewegen zu einem Leben in Gottes Willen – in der Liebe.
Von Barmherzigkeit und Liebe bewegt
Was bewegt uns am stärksten? Wo wir geliebt werden, spüren wir eine große Kraft in uns. Sie verwandelt uns, sie lässt uns tun, was uns zuvor unmöglich schien. Paulus erinnert an die sich selbst gebende Liebe und Barmherzigkeit Gottes, wie sie in Jesus Gestalt gewonnen hat (vgl. 5,6ff.; 11,1ff.) – als die uns zum Tun des Guten bewegende Kraft. Darauf lenkt er unsere Aufmerksamkeit, nicht einfach auf Gebote oder Pflichten. Diese sagen zwar, was wir sollen, aber sie geben nicht, wie wir das können, was wir sollen. Es geht um unser ganzes, leibhaftiges, d.h. alles umfassende Leben als „Opfer“ im Sinne liebender Hingabe an Gott und an unsere Mitmenschen (vgl. 13,8ff.). Nicht etwas geben, uns selbst hingeben – als Antwort auf das, was uns im Glauben an Jesus Christus gegeben ist.
Neu sehen und verstehen
Wie wird Liebe eine das Leben konkret gestaltende Kraft? Durch Einsicht! Paulus spricht mit Nachdruck von „einer Erneuerung unseres Denkens“, von „vernünftigem Gottesdienst“ und von der Notwendigkeit des „Prüfens“. Liebe ohne Einsicht, wenn sie bloß ein Gefühl bleibt, kann gefährlich werden: wenn sie etwa aus falschem Mitleid heraus dem anderen etwas abnimmt, was dieser selbst tun könnte und müsste. Wenn sie dem anderen nicht weh tun will und ihm deshalb eine schmerzliche, aber notwendige Selbsterkenntnis vorenthält. Paulus betet darum, dass die Liebe reich an Erkenntnis und Einsicht wird (Phil 1,9f.). Wir müssen für uns selbst und miteinander prüfen, was wirklich gut ist: Was ist in dieser Situation im Sinne von Gottes Weisungen wirklich hilfreich und lebensförderlich? Wodurch und auf welchem Weg kommt das Gute zustande? Solche Überlegungen erwartet Paulus von uns. Er traut sie uns zu, weil wir denken können und den Heiligen Geist empfangen haben. „Prüfen“ bezieht uns ganz mit ein, wir müssen mitdenken, mitfühlen, miteinander beraten usw. Das verhindert, dass wir nur äußerlich Gutes tun, aber innerlich nicht mit ganzem Herzen bei der Sache und bei den Menschen sind. Wenn wir das Gute, das wir tun sollen, als „gut“ einsehen, dann hat das eine große Kraft: wir können das Gute auch gegen innere und äußere Widerstände und dauerhaft wirklich tun.
Kritische Selbstprüfung
Sich nicht „dieser Welt“ gleichstellen heißt nicht: das Gute ist einfach das Gegenteil von dem, was Nichtchristen machen. Von Vers 3 an zeigt sich, um was es geht: Sich selbst überschätzen und andere abwerten, alles von sich her betrachten und in allem nach dem fragen, was es mir bringt. Das gehört zu „dieser Welt“. Da bleiben wir gefährdet, da müssen wir uns kritisch prüfen. Um dieser Gefährdung nicht zu erliegen, stellt Paulus alles ins Licht der Gnade, was sie uns gegeben hat: Was wir haben und sind, das haben wir empfangen – und darum kann das kein Grund sein, sich etwas auf sich und das eigene Können einzubilden und arrogant auf andere herabzuschauen. Paulus lenkt den Blick auf die Gemeinde, den Leib Jesu Christi: zuerst und zuletzt geht es um Jesus und seine Glieder an seinem Leib. Da gehören wir dazu, von dort her verstehen wir uns: Was uns gegeben ist, unsere Fähigkeiten und Gaben, die sind uns für andere gegeben – zu ihrem Nutzen und ihrer Förderung. Im Licht der Gnade und vom Leib Jesu her werden wir befreit, selbstlos(er), mit den uns gegebenen Möglichkeiten und von Herzen zu lieben und zu dienen – was für eine Freiheit! Was für eine Wohltat, auch für uns selbst!
Praxisideen:
- Wie können wir Gottes Liebe und Barmherzigkeit tiefer erkennen und erfahren – so dass sie die uns bewegende Kraft immer wieder neu wird und bleibt?
- Wo und wodurch haben wir „Ermahnung“ als hilfreich und förderlich erlebt? Warum brauchen wir gegenseitige Ermahnung?
- Welche Wahrnehmung, welche Gedanken und Gefühle bestimmen mich in meinem Leben? Was hilft mir von: Was bringt mir die Gemeinschaft mit meinen Schwestern und Brüdern? hin zu der Frage und Haltung zu kommen: Was kann ich beitragen und einbringen, was anderen wirklich guttut und sie fördert?
Lieder: GL 158, FJ5 9 Hier bin ich
