06/2026-07/2026

Teil des Ölbaumes

Römer 11, 17-36

Texterklärung

Unser Text illustriert durch das Ölbaum-Gleichnis Gottes Plan mit Israel und den Völkern: Die Heiden sind „wilde“ Zweige, die in den guten Ölbaum eingepfropft wurden, dadurch erhalten sie Anteil an der Wurzel, sollen aber demütig bleiben (V. 17–22). Das „Geheimnis“ offenbart, dass Israels zeitliche Verstockung endet (V. 25–26). Am Ende wird ganz Israel gerettet (V. 26–27), denn Gottes Verheißungen und Berufung sind unwiderruflich (V. 28–29). Alles gipfelt in einer Doxologie (feierlicher Lobpreis) über die unergründliche Tiefe von Gottes Weisheit (V. 33–36).

Warum der Ölbaum?

Die Auslegung des Ölbaums (V. 17–24) ist umstritten: Es gibt Autoren, die meinen, Paulus greife hier das traditionelle Bild von Israels auf (Jer 11,16; Hos 14,6). Danach steht der Ölbaum für das Bundesvolk Israel, aus dessen Wurzel (Abraham, David etc.) die Gläubigen (Juden) “gewachsen” sind. Der Ölbaum ist das kultivierte Israel mit seinen Wurzeln in Abraham. Paulus warnt nur vor Hochmut gegenüber den nicht an Christus glaubenden Israeliten. Nikolaus Walter interpretiert dagegen Wurzel und Baum nicht als Israel, sondern als Gott – als Symbol für Gottes Verheißungen und sein Handeln. Nach ihm schaut der Text nicht fixiert auf Israel, sondern darauf, dass Heiden durch Christus in Gottes Rettungsplan aufgenommen sind.

Natürlich kann man den Text auch ganz pragmatisch interpretieren, dass die Olive gewählt wurde, weil sie in der antiken Landwirtschaft gut passt. Aber in den meisten Fällen ist es bei Paulus etwas komplizierter. Manche Ausleger sehen im Gleichnis einen “Bund ohne Eigenschaft” das soll heißen: alle Heilsgewissheit liegt bei Gott. Interessant ist der Gedanke, dass es Paulus nicht um die Einheit von Israel geht, sondern darum, dass wir Teilhabe an denselben Verheißungen wie das Volk Gottes haben. Das bedeutet nicht, dass wir eine Sonderstellung haben, aber dass wir uns auf denselben Kontext stützen dürfen wie das Volk Gottes. So ist es nach reichlicher Betrachtung möglich, den Text aus mehreren Richtungen zu interpretieren.

Vertrauen und Demut

Meine persönliche Auslegung sieht daher wie folgt aus: Paulus lehrt in Römer 11,17–36, dass Gottes Heilsplan allen Menschen gilt und gleichzeitig steht Gott treu zu Israel. Er mahnt Gegensätze in der Gemeinschaft an: Keine Überheblichkeit der einen Gruppe über die andere (V.20). Wer heute durch Treue dazugehört, kann auch morgen durch Untreue wieder herausgenommen werden. Aber seinem Volk ist Gott treu auch in allem Ungehorsam (V. 26-28). In der globalen Kirche erinnert der Text daran, dass alle Gläubigen – egal welcher Herkunft – die gleichen Wurzeln in den Verheißungen Gottes haben. Demut statt „Wir sind die einzig richtigen“ ist gefordert. Gerade in Gemeinden, wo verschiedene Kulturen zusammenkommen, gilt: Gott operiert unabhängig von Nation, aber nach seinem Bund mit den Vätern (V. 28–29). Eine Herausforderung ist es, Gottes Treue über Glaube und Berufung anzuerkennen. Niemand kann sich seine Rettung „erwerben“ (vgl. Eph 2,8–9). Wer sich als Teil „des Baums“ sieht, wird dazu aufgefordert, sich nicht zu rühmen und nicht zu vergessen, dass er nur Früchte hervorbringen kann, weil die Wurzel ihn trägt (V. 17–18). In Paulus Schlussdoxologie (V. 33–36) ruft er zur Anbetung Gottes auf. Für ihn ist deutlich geworden im Blick auf das Ganze, dass Sorgen und Ängste um die eigene Stellung oder die Herkunft zurücktreten dürfen. Zusammengefasst will der Text uns vermitteln: Habt Vertrauen in Gottes Plan und lobt ihn dafür, statt euch in Selbstgenügsamkeit zu baden.

Praxisideen:

Einstieg: Ein Bild des Olivenbaums oder eines Baums mit sichtbaren Zweigen zeigen. Was fällt an diesem Bild auf? (Bsp.: Verwurzelung, abgebrochene Zweige etc.)

  • Fragen zum Gespräch:
  • Was bedeutet es, „eingepfropft“ zu sein?
  • Warum soll niemand hochmütig sein, obwohl er gerettet ist?
  • Wie wurde ich ganz persönlich gerettet?
  • Was kann „ganz Israel wird gerettet“ für uns heute bedeuten?
  • Wie verändert Gottes Treue unser Vertrauen in Gott?
  • Gebetsgedanken
  • Dank für Gottes Treue und Barmherzigkeit; Bitte um ein demütiges Herz und Liebe füreinander, unabhängig von Herkunft; Fürbitte, dass die Gemeinde in Gottes Plan verwurzelt bleibt.

Lieder: GL 227, FJ Best of 145 Ursprung und Ziel

Quellen:

Griechischer Text nach NA28; Lutherbibel 2017 und Elberfelder Bibel im Vergleich; Walter, Nikolaus (1984) in ZTK zur Wurzelauslegung; EKK Wilckens, Ulrich (2003); ThHK 6 Haacker, Klaus (2002)

Beitrag teilen: