Mehr als gute Laune
Aufbruchstimmung ist ein schönes Wort. Es klingt nach frischem Wind, nach Menschen, die nicht mehr nur über Probleme reden, sondern losgehen, mutig Neues wagen und dabei voller Zuversicht sind. In der Gemeinde Jesu mögen wir solche Momente: Wenn wieder mehr Leute kommen. Wenn junge Menschen Verantwortung übernehmen. Wenn nach Jahren der Müdigkeit plötzlich wieder Leben in die Bude kommt. Dann spüren wir: Da bewegt sich etwas.
Nur ist Aufbruchstimmung ab und an auch ein gefährliches Wort. Denn manchmal meinen wir damit vor allem unsere Stimmung. Ein gutes Gefühl. Ein inspirierender Abend. Ein Klausurtag bei dem jede Menge neue Ideen entstehen. Die Stimmung ist gut, aber dann kommt der Alltag. Es gelingt nicht, die anderen mitzunehmen. Es gibt Nörgler und Besserwisser und die gute Stimmung ist schnell im Eimer. Das Esra-Buch erzählt von einem Aufbruch, der tiefer geht.
Das Esra-Buch erzählt von einem Aufbruch, der tiefer geht.
Gott fängt woanders an
Bei Esra beginnt der Neuanfang nicht mit einer Strategiegruppe in Jerusalem, sondern mit einem heidnischen König in Persien. „Der Herr erweckte den Geist des Kyrus“, heißt es gleich am Anfang. Gottes Volk sitzt im Exil, der Tempel liegt in Trümmern, Jerusalem ist eine Wunde auf der Landkarte. Und Gott beginnt mitten in der Weltpolitik.
Aufbruch beginnt nicht dort, wo wir uns zusammenreißen. Aufbruch beginnt dort, wo Gott Herzen weckt.
Das ist Zumutung und Entlastung zugleich. Die Zukunft der Gemeinde hängt nicht zuerst an unserer Begeisterungsfähigkeit. Gott sei Dank. Wenn das die Voraussetzung wäre, könnten wir vermutlich gleich wieder einpacken.
Erweckung ist nicht zuerst ein frommes Gefühl. Erweckung ist, wenn Gott Menschen aus ihrer Sesshaftigkeit herausholt und sie erinnert: Ihr seid nicht nur Bewohner Babylons. Ihr seid mein Volk. Ihr habt nicht nur eine Vergangenheit. Ihr habt eine Zukunft. Zu dieser seid ihr gerufen.
Heimkehr statt Nostalgie
Das ist nicht nur für Apis wichtig, nein auch für „B-pis“ und „C-pis“, Landeskirchler und Freikirchler. Wir sind ja auch ein Volk mit Geschichte. Wir kennen die alten Orte, die alten Namen, die alten Geschichten. Wir wissen von Bibelstunden in Wohnzimmern, von ehemals vollen Gemeinschaftshäusern und von Menschen, die den Glauben mit großer Treue gelebt haben. Das ist ein Schatz. Aber aus Schätzen können auch Vitrinen werden. Man kann sie anschauen, abstauben und sich daran freuen. Nur leben kann man davon nicht, wenn man sie nicht neu auspackt. Esra spricht nicht von Nostalgie. Esra erzählt von Heimkehr.
Nostalgie schaut zurück und sagt: „Ach, war das schön.“ Heimkehr schaut zurück, weil dort ein Ruf herkommt, und geht dann nach vorn. Nostalgie idealisiert die Vergangenheit. Heimkehr sucht die Gegenwart Gottes. Nostalgie lebt vom Vergleich. Heimkehr lebt von der Verheißung.
Darum ist es so bemerkenswert, was die Heimkehrer in Esra 3 zuerst tun. Sie bauen nicht zuerst ihre Häuser. Sie schreiben nicht zuerst ein neues Leitbild. Sie organisieren nicht zuerst die Verwaltungsstruktur. Sie bauen zuerst den Altar. Noch bevor der Tempel wieder steht, beginnt der Gottesdienst. Noch bevor das Gebäude fertig ist, suchen sie die Begegnung mit Gott.
Das ist geistlich hochaktuell. Esra stellt eine einfache und entlarvende Frage: Wo steht der Altar?
Nicht als Möbelstück, sondern als Mitte. Wo geschieht bei uns das, worum es eigentlich geht? Wo suchen wir Gott? Wo hören wir auf sein Wort? Wo ist nicht nur der bekannte Betrieb, sondern Begegnung mit ihm? Esra sagt: Der Aufbruch beginnt am Altar.
Aufbruch mit Hindernissen
Und dann? Dann wird alles leicht? Leider nein. Das Esra-Buch ist da wohltuend realistisch. Wer aufbricht, bekommt nicht automatisch Rückenwind. Kaum bewegt sich etwas, gibt es Widerstand. Verdächtigungen. Politische Manöver. Bauunterbrechung. Aktenprüfung. Zuständigkeitsgerangel. Kurz gesagt: Es wird sehr schnell sehr irdisch.
Das tröstet mich. Denn manchmal meinen wir, wenn Gott etwas schenkt, müsse es glatt laufen. Türen gehen auf, Kritiker verstummen und am Ende sagen alle: „Das war eindeutig der Herr.“
Schön wär’s.
In der Bibel sieht es oft anders aus. Gott wirkt – und gleichzeitig knirscht es. Gott ruft – und Menschen zögern. Gott öffnet Wege – und andere stellen sich quer. Gott baut – aber seine Mitarbeiter wirbeln eine Menge Staub auf.
Aufbruchstimmung ist deshalb nicht das Ausbleiben von Widerstand. Aufbruchstimmung ist, wenn Gottes Ruf stärker ist als die Gründe hinzuschmeißen.
In Esra 5 kommt neuer Schwung in eine alt gewordene Erweckung. Der erste Enthusiasmus ist verpufft. Der Tempelbau liegt brach. Man hat sich eingerichtet. Man kann nicht immer nur Tempel bauen.
Und dann treten Haggai und Sacharja auf. Zwei Propheten. Zwei Weckrufe Gottes. Haggai konfrontiert. Sacharja tröstet und öffnet den Blick. Beides braucht geistlicher Aufbruch. Denn: nur Konfrontation macht hartherzig, nur Trost macht bequem. Gottes Wort kann beides: aufrütteln und aufrichten. Gottes Wort sagt: Ihr seid nicht fertig. Aber ich bin auch nicht fertig mit euch.
Gottes Ja im Archiv
Dann geschieht im Esra-Buch etwas Wunderbares. Die Gegner fragen wieder nach. Die persische Bürokratie läuft an: Es wird geprüft, gesucht, geschrieben. Und irgendwo in Ekbatana, im riesigen Archiv des persischen Weltreiches, liegt die alte Erlaubnis des Kyrus sauber archiviert. Gottes Auftrag ist nicht verloren, er war die ganze Zeit da.
Das wäre fast komisch, wenn es nicht so tröstlich wäre. Während die Menschen in Jerusalem nur Steine, Staub, Trümmer und Probleme sehen, liegt in einem Archiv längst der Beleg: Der Bau ist erlaubt. Mehr noch: Er soll unterstützt werden. Was wie ein Hindernis aussieht, wird zum Weg, auf dem Gottes Zusage ans Licht kommt.
Wir sehen oft nur, was vor Augen liegt: weniger Mitglieder, weniger Geld, weniger Selbstverständlichkeit, weniger christliche Prägung. Esra erinnert uns: Wir sehen nie die ganze Aktenlage Gottes.
Wir sehen die Baustelle – Gott kennt die Verheißung.
Wir sehen den Mangel – Gott kennt seine Möglichkeiten.
Wir sehen die Widerstände – Gott kennt die Wege hindurch.
Wir sehen, was nicht mehr ist – Gott sieht, was werden soll.
Das heißt nicht, dass alles wird wie früher. Im Gegenteil. Als in Esra 3 das Fundament gelegt wird, jubeln die einen, und die anderen weinen. Die Jungen freuen sich über den Anfang. Die Alten weinen, weil sie noch den ersten Tempel kennen. Freude und Trauer mischen sich so sehr, dass man sie von weitem nicht unterscheiden kann.
Genau so ist Gemeindeerneuerung oft. Da ist Freude über Neues. Und Trauer über Verlorenes. Beides ist verständlich. Beides hat seinen Platz. Vielleicht ist mündiger Aufbruch genau das: Wir lernen, gleichzeitig zu weinen und zu hoffen.
Mehr als Erweckung
Und doch bleibt im Esra-Buch eine Spannung. Der Tempel wird gebaut. Der Gottesdienst beginnt. Die Tora wird neu entdeckt. Das Volk ordnet sich. Und trotzdem merkt man: Es ist nicht das Paradies. Die Erweckung bleibt gefährdet. Das Herz des Menschen wird nicht dadurch neu, dass Steine neu aufeinandergesetzt werden. Auch nicht dadurch, dass man die richtigen Ordnungen kennt. Es braucht mehr als Aufbruch. Es braucht Erlösung.
Darum dürfen wir Esra nicht ohne Jesus lesen. Jede Erweckung im Alten Testament trägt in sich schon die Sehnsucht nach dem, der nicht nur für einen neuen Anfang sorgt, sondern für ein neues Herz. Jesus bringt nicht einfach neue Aufbruchsstimmung. Er bringt Leben aus dem Tod. Er baut nicht nur einen Tempel aus Stein, sondern bringt die Gegenwart Gottes in diese Welt. Er ruft nicht nur: „Geht zurück nach Jerusalem.“, sondern: „Folge mir nach.“. Und er fragt wie gegenüber Petrus am See Tiberias nicht zuerst nach Leistungsfähigkeit, Strategie oder geistlicher Erfolgsbilanz, sondern: „Hast du mich lieb?“
Das ist die entscheidende Frage für jeden Aufbruch.
Nicht: Haben wir genug Ideen?
Nicht: Haben wir genug Geld?
Nicht: Haben wir genug Tradition?
Nicht: Haben wir genug Mut?
Sondern: Lieben wir Jesus?
Wenn er weckt
Wenn ja, dann wird aus Aufbruchstimmung mehr als ein Strohfeuer. Dann werden wir zu Bewegten, weil wir seinem Wort zutrauen, dass es uns wirklich bewegt. Dann werden wir zu gastfreundlichen Menschen, weil wir selbst bei ihm ein Zuhause gefunden haben. Dann werden wir Hoffnungsträger, weil unsere Hoffnung nicht an der Temperatur unserer Stimmung hängt, sondern an der Treue Gottes.
Vielleicht ist genau das unser Auftrag in dieser Zeit. Nicht die „Pietisten von gestern“ zu sein, die melancholisch um alte Mauern laufen, aber auch nicht „religiöse Eventmanager“, die geistliches Leben zelebrieren. Sondern Menschen, die sich von Gott wecken lassen, Menschen, die den Altar wieder in die Mitte rücken, Menschen, die ehrlich trauern und mutig hoffen, Menschen, die Gottes Wort hören und dann tatsächlich losgehen und das mutig und auf neuen Wegen.
Aufbruchstimmung im Sinne Esras ist kein künstliches Hochgefühl. Sie ist die leise, kräftige, manchmal unbequeme Gewissheit: Gott ist noch nicht fertig. Nicht mit seiner Gemeinde. Nicht mit der Gemeinschaftsbewegung. Nicht mit dieser Welt. Und auch nicht mit mir.
Darum: Rein in die Bibel, raus aus der Schockstarre, zurück zum Altar und vorwärts in Gottes Zukunft. Denn Aufbruch beginnt, wenn er weckt.
