06/2026-07/2026

Geliebt und erwählt

Die Erlösung Israels nach Römer 9-11

Unter den Briefen des Paulus ragt sein Schreiben an die Christen in Rom heraus. Es ist nicht nur seine umfangreichste Schrift, sondern zugleich seine systematischste Entfaltung des Evangeliums von Jesus Christus – unter besonderer Berücksichtigung seiner Bedeutung für das Volk Israel. Denn ihm sind Verheißung und Evangelium „zuerst“ anvertraut worden (Röm 1,16; 3,2; 9,4f.5). Die Adressaten des Römerbriefes sind zwar überwiegend als Heiden zum Glauben gekommen (Röm 1,5f.13; 11,13ff.), aber die Urgemeinde in Jerusalem und die ersten Missionsgemeinden bestanden vor allem aus geborenen Juden und Gottesfürchtigen im Umfeld der Synagoge. Auch Paulus – der berufene Apostel für die Heiden (Röm 11,13; 15,16) – hebt hervor, dass er selbst als Israelit vom Stamm Benjamin geboren und beschnitten wurde (Röm 11,1; Phil 3,5).

So entfaltet er das Evangelium auch im vertrauten dialogischen Stil des Predigens und Lehrens in den Synagogen der Diaspora – mit rhetorischen Fragen, in Aufnahme von möglichen Einwänden, mit Belegen aus der Heiligen Schrift und mit Beispielen aus dem alltäglichen Leben. Dies fällt hier besonders auf, da die Römer und ihre Situation dem Apostel noch nicht persönlich bekannt sind. Dennoch argumentiert Paulus auch bei ihnen mit typischen Bedenken und Gegenargumenten gegen das von ihm verkündigte Evangelium von Gottes in Christus offenbarter Gerechtigkeit (1) zum Heil (2) für jeden Menschen (3) im Glauben (4) allein aus Gnade. Solchen Vorbehalten gegen seine gesetzesfreie Heidenmission und Heilszusage begegnet Paulus nicht nur vonseiten der Synagoge, sondern auch bei anderen Judenchristen, die die bleibende Verpflichtung zu Beschneidung und Einhaltung von Gesetzesvorschriften vertreten (Apg 15; Gal 2,1-21; 5,2.12; 6,12f.).

So entfaltet er das Evangelium auch im vertrauten dialogischen Stil des Predigens und Lehrens in den Synagogen der Diaspora – mit rhetorischen Fragen, in Aufnahme von möglichen Einwänden, mit Belegen aus der Heiligen Schrift und mit Beispielen aus dem alltäglichen Leben.

Erster Hauptteil: Römer 1,18–3,20

Im Anschluss an den Briefeingang (Röm 1,1-17) entfaltet Paulus die ihm von Gott anvertraute „Erfreuliche Nachricht“ in drei Hauptteilen (Röm 1,18 – 8,39). Zunächst entfaltet er in Römer 1,18 – 3,20 die Notwendigkeit der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes durch Christus. Dabei beginnt Paulus rhetorisch geschickt mit der – unter Juden unbestrittenen – „Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit“ der Heiden, um ab Römer 2,1 unversehens auch Israels Schuld vor Gott anzusprechen und diese mit Schriftzitaten zu belegen (Röm 3,9-20). Beide – Israel und die Heidenvölker – werden gemeinsam durch das Gesetz des Mose und durch die Propheten als schuldig erwiesen und angeklagt.

Zweiter Hauptteil: Römer 3,21–4,25

Im zweiten Hauptteil veranschaulicht der Apostel nun positiv die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in Christus und die Rechtfertigung des Gottlosen durch Begnadigung auf der Grundlage des Glaubens: In seiner stellvertretenden Lebenshingabe am Kreuz – „in seinem Blut“ (Röm 3,25; 5,9) – ist Christus von Gott öffentlich als „Sühneort“ und „Sühnmal“ zur Erlangung von Vergebung und Versöhnung eingesetzt worden. Damit erweist Gott seine Gerechtigkeit im doppelten Sinne: Er selbst ist gerecht und er spricht zudem die ihm vertrauenden Sünder aus Gnade gerecht (Röm 3,26). Diese exklusive Hervorhebung des Glaubens und des geschenkweisen Empfangens des Heils bedarf für jüdische Gesprächspartner, die ihr Heil in der Befolgung des Gesetzes suchen, der Erklärung (Röm 3,27-30). Diese bietet Paulus mit seinem Nachweis der Schriftgemäßheit des Evangeliums anhand der Geschichte Abrahams, des Vaters aller Glaubenden. Denn auch Abraham wurde seinerseits schon aus Gnade und als noch Unbeschnittener von Gott gesegnet und aufgrund seines Glaubens – nicht seiner Verdienste – gerechtfertigt (Röm 4,1-25).

Dritter Hauptteil: Römer 5,1–8,39

Mit dem dritten Hauptteil, Römer 5,1 – 8,39, wendet sich der Apostel nun den Konsequenzen der schon gegenwärtig empfangenen Rechtfertigung durch Gott selbst zu. Die im Glauben Gerechtfertigten leben im Frieden mit Gott und in der vertrauensvollen Beziehung zu seinem Sohn, Jesus Christus. Ihre Freiheit von den Zwängen der Sünde (Röm 6) und der Verurteilung des Gesetzes (Röm 7) besteht in ihrer Zugehörigkeit zu ihrem neuen Herrn, Jesus Christus. Erkennen sie sich im Rückblick als ehemalige Sklaven der alten Mächte, so erleben sie sich nun als durch Christus erlöste Töchter und Söhne Gottes. Durch seinen lebendig machenden Geist erneuert Gott die an Christus Glaubenden schon hier und jetzt nach Sein, Gesinnung und Verhalten (Röm 8,1-17). Auch wenn sie gegenwärtig noch unter manchen Einschränkungen der Vergänglichkeit leiden, so sind sie doch von der Hoffnung auf die verheißene Vollendung der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes erfüllt (Röm 5,1-11; 8,18-27). Sie leben in der Zuversicht der von Gott selbst Erwählten und Berufenen, der von Gott als Richter bereits Begnadigten und von Christus als Fürsprecher und Anwalt Vertretenen. Sie dürfen sich gewiss sein, dass nichts und niemand sie mehr von Gottes in Christus erwiesener Liebe trennen kann (Röm 8,28-39).

Vierter Hauptteil: Römer 9,1–11,36

Nach dieser triumphalen, fast hymnischen Darstellung der Heilsgewissheit mögen der neue thematische Ansatz und die Ausführlichkeit des vierten Hauptteils in Römer 9,1–11,36 zunächst verwundern. Es sind wohl zwei Aspekte, die Paulus dazu drängen, es nicht bei den bisherigen Hinweisen auf die Besonderheit des Volkes Israel seit Römer 1,16 zu belassen. Die Frage, was nun für das Volk Israel insgesamt gilt, bewegt Paulus als Judenchrist sowohl im Blick auf seine leiblichen Stammverwandten wie aber auch in Hinsicht auf die hier angesprochenen Heidenchristen. Wie können sich die an Christus Glaubenden – ob Juden oder Heiden – ihres bleibenden Heils und der unverbrüchlichen Treue Gottes so gewiss sein, wenn die ersten Empfänger der Verheißungen Gottes sich zum großen Teil dieser Erkenntnis des Evangeliums verschließen? Sollte die menschliche Untreue Gottes Treue aufheben (Röm 3,3)? Können Gottes Gaben und Berufung ihn aufgrund des ablehnenden menschlichen Verhaltens nachträglich gereuen? Oder sind Gottes Zusagen für ihn selbst unwiderruflich (Röm 11,29)?

Paulus widmet sich in Röm 9,1–11,36 also dem rätselhaften Missverhältnis zwischen dem Offenbarsein der Gerechtigkeit Gottes in Christus und der bisherigen Uneinsichtigkeit so vieler Israeliten. Dabei sei gleich zu Beginn darauf hingewiesen, dass sich die sorgfältig gegliederte und konsequente Argumentation des Apostels für die meisten erst von ihrem Höhepunkt und Ziel in Römer 11,25-36 her erschließen wird. Auf das wahre und erlösende „Geheimnis“ der endgültigen Antwort Gottes kommt Paulus erst zum Abschluss zu sprechen. Vieles von dem, was er zuvor begründend anführt, könnte ansonsten für sich genommen noch nicht klärend erscheinen.

Römer 9,1-5

Zur Einleitung beteuert Paulus in Röm 9,1-5 mit äußerstem Nachdruck, dass er selbst große Trauer und Schmerzen im Blick auf die Ablehnung des Evangeliums von Christus durch so viele seiner jüdischen Stammverwandten empfindet. Sie sind doch als Israeliten die ersten Empfänger der Verheißungen und des Gesetzes Gottes gewesen (Röm 1,16; 3,2; 9,4f.), und der Sohn Gottes ist selbst als Israelit auf die Welt gekommen (Röm 1,3; 9,5). Wie ernst es dem Apostel um seine „Brüder“ ist, wird in der Bereitschaft deutlich, wie Mose in 2. Mose 32,32 für sein Volk sogar sein eigenes Heil einzusetzen (Röm 9,3).

Römer 9,6-13

In dem großen Abschnitt Röm 9,6–11,10 widmet sich Paulus der entscheidenden Frage, ob Gottes Wort und seine Erwählung angesichts des menschlichen Unglaubens hinfällig geworden sein könnten (9,6a). Die Widerlegung dieser Befürchtung eröffnet er in 9,6-13 zunächst mit einer Eingrenzung der erschreckenden Problematik: Schon immer war die Teilhabe an der Segensverheißung nicht von der rein leiblichen Abstammung von Abraham an sich, sondern von Gottes gnädiger Erwählung abhängig. Kinder der Verheißung waren Isaak, nicht Ismael, Jakob und nicht Esau. Auch sie wurden nicht durch ihre Leistung, sondern aus Gottes Gnade erwählt.

Römer 9,14-23

Damit aber muss sich der Apostel sofort dem Einwand stellen, ob Gott nicht ungerecht sei, wenn er seinerseits die Menschen auswählt, denen sein Segen gelten soll (9,14f.). „Keineswegs!“, erwidert Paulus. Gott ist nicht ungerecht, wenn er sich – wie die Schrift schon sagt (2. Mose 33,19) – des einen Menschen aus Gnade in seiner Souveränität erbarmt und einen anderen – wie etwa den Pharao in Ägypten – in seiner Ablehnung und Verstockung belässt (Röm 9,14-18). Nach Römer 1,18–3,20 und 5,12-21 ist es der Mensch, der Gottes guter Schöpfungsabsicht und seinem Heilswillen von sich aus widersteht. Insofern läuft auch die nächste vorwurfsvolle Frage ins Leere, warum uns Gott dann noch beschuldige (9,19). Paulus weist aber angesichts solch provokanter Einwände die Kritiker grundsätzlich in die Schranken: Der Mensch hat als Geschöpf nicht das Recht, Gott in seinem souveränen Handeln zu kritisieren, so wenig wie der Ton den Töpfer kritisiert. Aber selbst bei Gottes Gerichtshandeln ist das letzte Ziel die Offenbarung seiner Herrlichkeit gegenüber den begnadigten Menschen (9,20-23).

Römer 9,24-33

Paulus zieht nun eine Zwischenbilanz: Als solche aus Gnaden Erwählte sind jetzt auch wir zur Gerechtigkeit im Glauben und zur Gotteskindschaft berufen worden – und zwar, wie in der Schrift bereits vorhergesagt, einerseits als ehemalige Heiden (V. 25f.) und andererseits als der heilige Rest von Israel (V. 27-29). Das übrige Israel hat die Gerechtigkeit nicht erreicht, weil sie sie nicht aufgrund des Glaubens an Christus, sondern aufgrund ihrer eigenen Befolgung des Gesetzes erlangen wollen (V. 30-33).

Römer 10,1-21

Erneut betont Paulus, wie sehr ihm die Rettung auch der übrigen Juden am Herzen liegt, zumal auch sie sich eifrig darum bemühen. Aber sie erkennen nicht, dass Gott seine rettende Gerechtigkeit in Christus offenbart hat und im Glauben an ihn als den Herrn schenkt, wie die Schrift bezeugt (10,5-13). Obwohl das Glauben weckende Wort Christi überall verkündet wird, kommt es bei der Mehrheit von Israel leider dennoch nicht zum vertrauensvollen Gehorsam dem Evangelium gegenüber. Sie nehmen Gottes in Christus „ausgestreckten Hände“ nicht an (10,16-21).

Römer 11,1-10

Die schlimmste denkbare Erklärung dafür wäre, dass Gott sein Volk, das er zuvor erwählt hatte, nun verstoßen und verworfen hätte (Röm 11,1-6). Aber auch das ist ausgeschlossen, denn es gibt ja einen aus Gnaden erwählten „Rest“ von Israel, zu dem auch Paulus selbst gehört. Die übrigen Israeliten aber erreichen das angestrebte Ziel der Gerechtigkeit nicht, weil sie noch in Blindheit und Verstockung verharren (11,7-10).

Römer 11,11-15

Wenn Gott das Volk Israel als Ganzes nicht endgültig verworfen, sondern vielmehr zeitweilig (Röm 11,8.12c.15c) in seiner Verstockung und Blindheit belassen hat, stellt sich die drängende Frage nach der göttlichen Absicht und nach der Dauer der Verstockung Israels (11,11a). Dabei führt Paulus zunächst das auch historisch nachvollziehbare Argument an, dass über die Ablehnung des Evangeliums durch Israel die Versöhnung und das Heil beschleunigt zu den Heiden gelangt ist.

Römer 11,16-24

An dieser Stelle möchte Paulus die Heidenchristen ermahnen, nun ihrerseits nicht etwa im Blick auf Israel überheblich zu werden. Die Heiden – als „Zweige vom wilden Ölbaum“ – haben nun wohl anstelle der „ungläubigen“ Israeliten – bildlich als „abgehauene natürliche Zweige“ – an Abraham als dem Träger der Verheißung – der „Wurzel“ – teil und sind damit in die Heilsgemeinde „Israel“ (s. 9,6b) aufgenommen – d. h. „eingepfropft“ – worden. Dennoch besteht keinerlei Anlass zu Überheblichkeit und Verachtung! Gott kann und wird in seiner Güte auch jene „im Glauben“ am Heil teilhaben lassen – sie wieder „einpfropfen“ (11,23f.) und „annehmen (11,15).

Römer 11,25-32

Nun endlich kommt Paulus zu dem Zielpunkt all seiner Ausführungen zu Gottes Weg mit Israel. Er vertraut den Gläubigen in Rom ein ihm offensichtlich von Gott selbst offenbartes „Geheimnis“ an (11,25), das in dieser Klarheit nirgendwo sonst im Neuen Testament entfaltet wird. Wenn die von Gott vorgesehene Zahl der Heiden zur Gemeinde Gottes hinzugekommen sein wird und Christus als „Retter“ (1Thess 1,9f.) erscheint, wird endlich „ganz Israel“ durch ihn selbst gerettet (Röm 11,26) und „in seiner ganzen Fülle gewonnen“ werden (11,12). Dann wird Christus ihnen persönlich „die Decke von den Augen“ nehmen (2Kor 3,14) und Israel wird Jesus Christus als seinen Messias erkennen und kniefällig als seinen Herrn anerkennen und darin gerettet sein (Röm 10,9f.; Phil 2,9-11). So erweist sich die Berufung und Bekehrung des zuvor verstockten Christenverfolgers Paulus durch Christus persönlich als Vorabbildung und „Erstlingsfrucht“ der rettenden Anerkennung Christi durch „ganz Israel“ (Röm 11,1).

Gottes Erbarmen und seine Treue gelten also auch den „übrigen“ Israeliten und nicht nur dem in der Gemeinde Jesu Christi schon gegenwärtig erkennbaren heiligen Rest von Israel (vgl. Röm 11,12c.15f.24f.). Sie mögen sich jetzt noch mit ihrer Ablehnung des Evangeliums von Jesus Christus feindlich verhalten, von Gott aus gesehen sind und bleiben sie aber „Geliebte“ und „Erwählte“ gemäß seiner Segensverheißungen seit Abraham. „Denn Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen“ (Röm 11,29). Wie auch die Heidenchristen und Paulus selbst als zuvor Ungehorsame und Ungläubige von Gott Barmherzigkeit empfangen haben, so soll auch die jetzige Nichtanerkennung des Herrn Jesus Christus vieler in Israel durch Gottes Barmherzigkeit und Vergebung ihrer Sünden überwunden werden (11,28-32).

Römer 11,33-36

Angesichts einer solch erlösenden Perspektive kann Paulus nicht anders, als in einen Lobpreis des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes einzumünden. Während wir versucht sein mögen, Gott auf weitere Fragen nach dem Schicksal der Welt und der übrigen Menschen anzusprechen, erinnert der Apostel uns abschließend daran, dass Gott unseres Rates und unserer Argumente nicht bedarf und wir es ihm und seiner Weisheit getrost überlassen können. „Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge, Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,36).

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